Pablo – ein Strahler auf extremen Wegen

Paul Membrini, Kristall, Kluft, Graubünden

«Dann tat ich einen Griff in die Feuchte des Glimmersandes und fasste dabei nach etwas, das kein kleiner Kristall sein konnte. Die Finger tasteten sich immer weiter, an grossen Flächen entlang. Es musste riesig sein, was sich da im Berg verbarg.»

Das Strahlen verlangt einen regen Geist

Das Wort Strahlen stammt ursprünglich aus der Innerschweiz. Das Leuchten und Funkeln der Kristalle glich demjenigen der Sonnenstrahlen. Der Strahler ist somit einer, der die Kristalle findet und aus den Klüften hebt. Seit Menschengedenken suchen die Strahler in den Alpen nach Klüften um deren Kristalle zu bergen. In der Frühzeit begehrten die Menschen diese als Werkzeuge und Kultgegenstände, im Mittelalter dann wurden sie in erster Linie zu profanem und weltlichem Schmuck verarbeitet. In unserer Zeit ist die Faszination der Kristalle und der Suche danach ungebrochen, es ist die Ästhetik des natürlichen, unbearbeiteten Kristalls die die Menschen bis heute fasziniert. Die Strahlerei bedingt nicht nur ein ausgeprägtes Naturbewusstsein und sehr gute alpinistische und geologische Kenntnisse, sondern auch regen Geist, einen klaren Verstand und viel Phantasie.

 

Das wichtigste Werkzeug des Strahlers ist der Strahlstock, eine Art Brechstange, die auch als verlängerter Meissel, als Haken oder Gehhilfe eingesetzt wird. Zur Grundausrüstung um eine Kluft zu öffnen gehören aber auch Fäustel und Spitzeisen. Ebenso unerlässlich ist ein Haken für die Feinstarbeit um die zwar harten aber auch sehr verletzlichen Kristalle unversehrt zu bergen.

«Einen Stein, den zum Berg rausholst, wirst du niemals vergessen. Ein Kristall ist wie ein Mensch, den triffst du einmal und erkennst ihn dann immer wieder.»

 

Paul Membrini, mit Rufname Pablo, ist 1928 in Chur geboren und machte nach jahrelangem Hobby 1980 das Strahlen zu seinem Beruf und erfüllte sich damit seinen Lebenstraum. Pablo war ein ausgezeichneter Berggänger und Kletterer und war vor allem in den Bündner Bergen, insbesondere im Bündner Oberland, der Surselva unterwegs. Höhepunkt seines Strahlerlebens war wohl der Fund eines 73 Kilogramm schweren Rauchquarzkristalls im Zervreilagebiet. Mit diesem Fund ist er in die Geschichte des Strahlens und des Alpinismus eingegangen. Aber Pablo war nicht nur der Stahlharte, der Draufgänger, der Mann, der Berge erstürmte und wenn es sein musste auch versetzte, er war ein Vollmensch mit zarten Seiten, mit einer grossen Anhänglichkeit an seine Frau, seine Kinder, seine Enkel, seine Freunde, einer, der das Leben genoss und seine Liebe und Begeisterung auf die Mitmenschen übertragen konnte. Erfolge und Misserfolge ertrug er mit der Heiterkeit eines Bergphilosophen, den die Natur geformt hat und der im Eins sein mit der Natur den tiefen Sinn des Lebens ahnt. Er ging auf Vortragsreisen, zeigte seine Fotos, berichtete von seinen Erlebnissen am Berg und von den Schönheiten der Natur. Membrini verbrachte jedes Jahr Monate in den Bergen und mass zufrieden die eigenen Kräfte an den Naturgewalten. Die beiden Filme über Paul Membrini, «Crystallos» von Willy Dinner und «Bergkristall-Paul Membrini ein Strahlensucher auf extremen Wegen» von Gerhard Baur, wurden beim grössten Bergfilmfestival der Welt in Trient ausgezeichnet. Paul Membrini verstarb im Mai 2003 in Chur. Er wurde 75 Jahre alt.

Paul Membrini, Kristall, Strahlen, Graubünden